«royalscandalcinema» | Plasticni Isus
Ein Experimentalfilm, der sich kritisch mit dem Personenkult um Tito auseinandersetzte. Die Staatsführung war darob nicht erfreut. Der Film wurde verboten, der Regisseur zu Gefängnishaft verurteilt, seine Professoren an der Kunstakademie entlassen.
Lazar Stojanović | 1971 | 73 Min. | YU/de | Einführung: Tatjana Simeunovic, Dozentin für Slavistik (Universität Basel)
Mit «Plastični Isus» hat Lazar Stojanović für Aufruhr gesorgt. Es handelt sich um die Diplomarbeit des jungen Regisseurs: Ein radikaler Experimentalfilm, dessen Sprengkraft insbesondere durch seine Collagetechnik entfaltet wird. Stojanović kreiert neue Sinnzusammenhänge, indem er dokumentarische Aufnahmen und Spielfilmsequenzen montiert und nicht zusammengehörende Ton- und Bildspuren überlappt. Die Spielfilmsequenzen folgen den Abenteuern des mittellosen Filmemachers und Konzeptkünstlers Tom, gespielt vom realen Underground-Künstler Tomislav Gotovac. Er schert sich nicht um gesellschaftliche Konventionen, hält nichts von Ideologien und steht ständig im Konflikt mit dem Staat. Die Geschichte des Nonkonformisten wird mit Dokumentarfilmsequenzen verwoben, die vorwiegend politische Szenerien behandeln. Dabei werden historische Aufnahmen von Adolf Hitler, Ante Pavelić, dem Führer des kroatischen Faschismus, serbischen Tschetniks und dem sozialistischen Staatschef Josip Broz Tito miteinander arrangiert. Die Filmsequenzen nehmen implizit auf, was der nonkonformistische Tom als Grundhaltung vertritt: Ideologien sind Lügen. Herrschaft korrumpiert. Personenkult führt zu Totalitarismus. Für Furore sorgte zudem die Verwendung von Filmmaterial einer privaten Hochzeit, bei der die Elite der Geheimdienste und der Armee ein rauschendes Fest feierte und dabei jenem Feindbild entsprach, das sie zu bekämpfen vorgaben: der dekadenten Bourgeoisie des Kapitalismus. Neben der politischen Kritik brach der Film radikal mit den sexuellen Tabus der damaligen Zeit. Er zeigte Promiskuität, thematisierte Homosexualität und enthielt die erste männliche Frontal-Nacktszene der jugoslawischen Kinogeschichte.
Es mag erstaunen, dass ein solcher Film im sozialistischen Jugoslawien überhaupt als Diplomarbeit einer staatlichen Kunstakademie produziert werden konnte. Allerdings war das jugoslawische Filmschaffen in den 1960er und frühen 1970er Jahren ausgesprochen experimentell. Vertraut mit dem Erbe des sowjetischen Avantgardefilms, inspiriert von Strömungen wie der französischen «Nouvelle Vague», dem italienischen «Neorealismo» oder der polnischen «schwarzen Serie» und mit viel kreativem Elan entstand in Jugoslawien eine Bewegung die später als «schwarze Welle» bezeichnet werden sollte. Dabei handelt es sich allerdings um einen Begriff, der von Filmkritikern geprägt wurde und auf ganz unterschiedliche Filme sowie deren Regisseure angewandt wurde. Entsprechend ist es schwierig, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Festhalten kann man aber, dass sie sich durch eine neuartige Bildsprache, kreative Montagen und skurrile Handlungen auszeichneten, die oftmals mit einem witzig-ironischen und/oder düster-pessimistischen Grundton verbunden waren.
Manche Werke der «schwarzen Welle» waren als sozial- und sozialismuskritische Parabeln konzipiert. Entsprechend wurden sie von der staatstreuen Filmkritik kontrovers diskutiert. Wie Tatjana Simeunovic in ihrem Artikel «Gehütete Streifen» schreibt, wurden sie als Gefahr für den Zusammenhalt der sozialistischen Gesellschaft heraufbeschworen. Auch von Vertretern der selbstverwalteten Arbeiterklasse wurden sie, etwa in Leserbriefen, heftig kritisiert. Die «schwarze Welle» sei entfremdet von der jugoslawisch-sozialistischen Realität, es mangle ihr an Humanismus und an positiven Helden, zudem würde sie sich durch eine morbide Sexualität auszeichnen. Die Filme dieser neuen Generation von Regisseuren wurden im Ausland regelmässig auf Filmfestivals aufgeführt, gewannen unzählige Preise und waren beim Publikum sehr beliebt. In Jugoslawien sah die Sache allerdings anders aus: Wenn sie überhaupt gezeigt wurden, verschwanden sie nach kurzer Zeit wieder von der Leinwand. Die «Filmelite» sorgte dafür, dass die innovativen Werke in Filmarchiven oder Tresoren verschwanden. Eine offizielle Zensur gab es damals allerdings nicht, sodass die Filme nicht als verboten galten. Sie fielen schlicht in Ungnade, bevor sie in den Umlauf kamen.
Nach «Plastični Isus» von Lazar Stojanović wurde der Kampf gegen die aufrührerischen Filme jedoch mit härteren Bandagen geführt. Mit der Verspottung von Staatsführer Tito, der unverhohlenen Kritik an der «roten Bourgeoisie» sowie der Gleichstellung von Sozialismus und Faschismus hat er den Bogen überspannt. Gleichzeitig ist die Kampagne gegen die «schwarze Welle» im Zusammenhang mit den politischen Wirren in Serbien anfangs der 1970er Jahre und den Auseinandersetzungen zwischen dem dogmatischen und dem liberalen Lager zu sehen. Auch renommierte Regisseure wie Živojin Pavlović, Aleksandar-Saša Petrović und Dušan Makavejev wurden nun angegriffen. Während Makavejev und Petrović das Land verliessen und für eine Weile im Ausland arbeiteten, wurde Stojanović zu drei Jahren Haft verurteilt.
Angeklagt wurde Stojanović nicht vor einem zivilen Gericht, sondern vor einem Militärtribunal der Jugoslawischen Volksarmee. Primäre Ursache war – so wird zumindest geltend gemacht – ein «politischer Vorfall», der sich zwischen Stojanović und einem Offizier ereignete, wobei erster «in trunkenem Zustand» gewesen sei. «Plastični Isus» wurde im Gerichtsprozess als Beweismaterial gegen seinen Regisseur verwendet. Unter die Räder kamen aber auch Stojanović Professoren, die den Film an der Kunstakademie begleitet hatten: Aleksandar Petrović wurde entlassen, Živojin Pavlović wurde auf einen Posten ohne Studierendenbetreuung versetzt. Erst zwanzig Jahre nach seiner Fertigstellung wurde «Plastični Isus» öffentlich vorgeführt.
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