Allererster Film im Royal mit Live Vertonung kuratiert von Hora Lunga präsentiert von «royalscandalcinema»
Im August wird 15 Jahre Kulturhaus Royal gefeiert. Selbstverständlich ist «royalscandalcinema» mit von der Partie. Für einmal aber nicht mit einem Skandalfilm, dafür aber mit dem allerersten Film, der in diesem wunderbaren Haus zum ersten Mal über die Leinwand lief: Les Amours de la Reine Élisabeth. Einführendes Gespräch mit Esther Schneider und Martin Bürgin | Live-Vertonung durch Hora Lunga, Tizia Zimmermann und Yara Dulac Gisler
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Kino vielerorts umstritten. Lehrer, Pfarrer und Politiker bekämpften das «Kinofieber» aus moralischen Gründen. In Baden war das nicht anders. So votierte das katholisch-konservative Aargauer Volksblatt im Mai 1912 gegen den Bau eines Kinos in Baden, da diese «Grossstadtpest […] die Scham ertöten und das Verbrechen verherrlichen» würde. Die Badener Stadtregierung verbot den Bau. Erst ein Entscheid des liberal-radikalen Aargauer Regierungsrats, der auf die Handels- und Gewerbefreiheit verwies, ermöglichte den Bau des ersten freistehenden Kinos. Es wurde am 1. Juni 1913 als «Lichtspielhaus Baden – Cinema Radium» eröffnet. Gegründet wurde das Radium durch Marie Antoine, einer aus Paris-Clichy zugezogenen Unternehmerin, über die allerdings – abgesehen vom Verfahren um die Eröffnung und den Betrieb eines Kinos – wenig bekannt ist.
Als Premierenfilm wurde «Les Amours de la Reine Élisabeth» gezeigt, eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Émile Moreau aus demselben Jahr. Regie führten der Schweizer Louis Mercanton und der Franzose Henri Desfontaines. In der Hauptrolle trat Sarah Bernhardt auf. Sie gilt als die berühmteste Schauspielerin ihrer Zeit und war einer der ersten Weltstars überhaupt. Bereits im Alter von vierzehn Jahren begann sie eine Schauspielausbildung am Pariser Konservatorium. Mit achtzehn Jahren debütierte sie 1862 an der Comédie-Française. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1923 spielte sie in über 120 verschiedenen Stücken, oftmals in der Hauptrolle. Sie war international auf Tournee von den Vereinigten Staaten bis nach Russland. In Paris betrieb sie mehrere Theater, darunter das «Théâtre des Nations», welches sie in «Théâtre Sarah-Bernhardt» umbenannte. Sie übersetzte Theaterstücke, schrieb Romane und Sachbücher und schreckte auch nicht davor zurück, sich in politische Debatten einzumischen – zu einer Zeit, in der das Frauenwahlrecht in Frankreich noch lange nicht eingeführt war.
Sarah Bernhardt zählte zu den ersten Schauspieler:innen, die in Kinofilmen mitwirkten. Bereits im Jahr 1900 war sie im Film «Le Duel d’Hamlet» zu sehen. «Les Amours de la Reine Élisabeth», der 1912 uraufgeführt wurde, war wohl ihr vierter Film. Das dem Film zugrundeliegende Theaterstück feierte im selben Jahr Premiere. Es wurde im «Théâtre Sarah-Bernhardt» uraufgeführt, wie der Film mit Sarah Bernhardt als Königin Elizabeth. Die Rolle war explizit für sie geschrieben. Das Stück schildert einige Szenen aus dem Leben der englischen Königin Elizabeth I., wobei der Fokus vor allem auf der Dreiecksbeziehung zwischen der Königin, dem Earl of Essex und der Gräfin von Nottingham liegt. Eine Beziehungsgeschichte, die – wie könnte es anders sein – tragisch endet.
Der Film war – im Gegensatz zum Theaterstück – beim damaligen Publikum ausserordentlich beliebt. Er feierte internationale Erfolge. Er gilt als erste Grossproduktion in der Kinogeschichte Frankreichs, ist der erste von vielen Spielfilmen, die sich dem Leben von Queen Elizabeth I. widmen, und ist einer der ersten Filme, für die eine spezifische Filmmusik komponiert wurde. Komponist war Joseph Carl Breil, der später zu den wichtigsten Filmmusikkomponisten überhaupt gehörte. «Les amours de la reine Élisabeth» war sein Pionierwerk. Marie Antoine bewarb die Eröffnung des Kino Radium mit dem internationalen Erfolg des Films und der Berühmtheit seiner Hauptdarstellerin: «Sarah Bernhardt: Die berühmteste Schauspielerin der Welt! Sarah Bernhardt in ‹Die letzte Liebe einer Königin› übertrifft sich selbst. ‹Die letzte Liebe einer Königin› wird in dieser Woche das Stadtgespräch sein. Weltstadt-Programm.»
Esther Schneider und Martin Bürgin führen dialogisch in den Film und die Geschichte des Kinos in Baden ein. Esther Schneider ist Podcasterin, Kulturjournalistin und Moderatorin. Sie leitete elf Jahre lang die Literaturredaktion des Schweizer Radios SRF. Heute moderiert sie unter anderem den Literaturpodcast «Literatur Pur», den sie auch schon im Kulturlokal Royal aufnahm. Bevor sie sich der Literaturkritik zuwandte, studierte sie Geschichte und Ethnologie an der Universität Zürich. Das Studium schloss sie mit einer Lizentiatsarbeit zum frühen Kino in Baden ab. Martin Bürgin ist Historiker und Religionswissenschaftler an der Universität Bern. In Forschung und Lehre beschäftigt er sich wiederholt mit dem Verhältnis von Film und Geschichte, sowohl mit der Geschichte von Film und Kino als auch mit der Darstellung von Geschichte im Film. Für das Royal hat er die Skandalfilmreihe «royalscandalcinema» mitentworfen, die er seit ihrem Start im Januar 2015 moderiert und kuratiert.
«Les amours de la reine Élisabeth» wird live vertont. Nicht mit dem Original-Score von Joseph Carl Breil und Klaviermusik, sondern mit zeitgenössischer Experimentalmusik, eingespielt von Hora Lunga, Tizia Zimmermann und Yara Dulac Gisler.
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